Die lebendigen Bibliotheken der Rhodopen – Wenn Steine Geschichten erzählen
Die lebendigen Bibliotheken der Rhodopen: Eine wissenschaftliche Spurensuche zwischen Geschichte, Musik und Identität
Du stehst in einem kleinen Dorf mitten in den Rhodopen. Die Sonne brennt auf die alten Steinmauern, irgendwo schreit ein Esel, und der Geruch von geräuchertem Paprika liegt in der Luft. Aber das eigentliche Erbe dieses Ortes siehst du nicht – du hörst es. Es sind die Geschichten, die hier seit Generationen von Mund zu Ohr weitergegeben werden, lebendiger als jedes Buch.
Doch hinter diesem romantischen Bild verbirgt sich ein komplexes soziokulturelles Phänomen, das Ethnologen, Musikwissenschaftler und Historiker seit Jahrzehnten beschäftigt.
Die Wissenschaft der Mündlichkeit: Oral History als Methode
Die Rhodopen sind kein Ort zufällig überlieferter Anekdoten. Sie sind ein systematisch erforschtes Feld der Oral History. Bereits 1997 gründeten Dozenten der Süd-West-Universität Neofit Rilski in Blagoewgrad die Balkan Society for Autobiography and Social Communication – eines der ersten Zentren für Oral History und autobiografische Forschung in Bulgarien . Ziel war es, die „weißen Flecken“ der jüngeren Geschichte zu beleuchten und jene Gruppen hörbar zu machen, deren Stimmen in der offiziellen Geschichtsschreibung des totalitären Regimes übergangen wurden: Frauen, Minderheiten, Bewohner abgelegener Dörfer .
Projekte wie Sprachverhalten und Lebenswelten der Muslime in den Westrhodopen oder Tradition, Mode, Moderne in den Westrhodopen dokumentieren systematisch, was du auf deiner Wanderung zufällig hören könntest . Die Universität bietet mittlerweile sogar einen Masterstudiengang in Oral History an – hier lernen Studierende nicht nur die Methoden der Interviewführung, sondern auch die Transkription und Analyse der gesammelten Texte .
Die zwei religiösen Welten der Rhodopen: Ein musikalisches Labor
Was die musikalische Überlieferung betrifft, sind die Rhodopen ein einzigartiges Labor. Die Bevölkerung gliedert sich in zwei große religiöse Gruppen: christlich-orthodoxe Bulgaren und bulgarische Muslime – die sogenannten Pomaken, wobei diese Bezeichnung mitunter als pejorativ empfunden wird .
Die sprachlichen Unterschiede zwischen beiden Gruppen sind marginal – ihre Mundarten stimmen weitgehend überein . Der markanteste Unterschied findet sich in den Personennamen: Während bei den Christen Namen wie Ivan oder Maria dominieren, finden sich bei den Muslimen arabische oder persische Namen wie Achmed, Fatme oder Mehmed – Spuren der Islamisierung der mittleren Rhodopen im 16. und vor allem in der Mitte des 17. Jahrhunderts .
Doch die Musik – hier liegen die eigentlichen Unterschiede. Ritualgesänge haben sich bei beiden Gruppen unterschiedlich entwickelt. Während bei den Christen viele der alten Ritualmelodien nur noch zu Georgi-Tag (6. Mai) oder Enjovden (24. Juni) zu hören sind, haben die bulgarischen Muslime die Tradition bewahrt, zu Bajram originäre Lieder zu singen .
Besonders bemerkenswert: Die Hochzeitslieder beider Gruppen sind in außergewöhnlich gutem Zustand erhalten geblieben – von der Ausschmückung der Braut über die Abschiedsgesänge (kordene) bis zur Ankunft im Haus des Bräutigams . Diese Lieder offenbaren den „reichen spirituellen und emotionalen Wärme der Rhodopen-Bevölkerung“ und atmen „außergewöhnliche Frische und Originalität“ – so die Musikethnologin .
Die Kaba-Gajda: Ein Instrument mit politischer Geschichte
Ein charakteristisches Merkmal des rhodopäischen Musikdialekts ist die Kaba-Gajda – die tief gestimmte große „weiche“ Sackpfeife . Im Vergleich zu anderen Regionen Bulgariens sind Balg und Holzteile größer, der Bordun (das Rutschilo) besteht aus drei oder vier Teilen, und das untere Ende steht in einem stumpfen Winkel . Der Klang ist weicher, durchzogen von klanglichen Nuancen.
Doch dieses Instrument – und die mit ihm verbundene Tradition – hat eine dramatische politische Geschichte erlebt. Das Roschen-Festival, einst ein inoffizielles Volksfest, wurde während der sozialistischen Ära (1944–1989) von der Regierung zu einem offiziellen, medienwirksamen Ereignis erklärt . 1961 wurde es erstmals mit einem Orchester aus 100 Kaba-Dudelsäcken und 500 Sängern unter der Leitung von Apostol Kisyov organisiert – mit dem Ziel, „den großen folkloristischen Reichtum der Rhodopen zu popularisieren und zu bewahren“ .
Die Realität war paradoxer: Bei den Großveranstaltungen spielten die Dudelsackspieler nur Playback zu ihrer eigenen, von CD eingespielten Musik . Ihre Aufgabe bestand darin, so zu tun, „als ob“ sie spielen würden – den Blasebalg aufzublasen und die markante Anblasmelodie zu spielen, dann zu verstummen . Die Musiker mussten nicht mehr das Zusammenspiel üben, sondern das koordinierte Playbackspiel . Auf die Frage, warum sie nur so täten, kam die Antwort: „Wegen des Fernsehens, das sonst nicht aufzeichnen könne“ .
Die echten Klänge der Kaba-Gajda sind bis heute in den Nächten des Festivals zu hören – wenn sich die Musiker hinter „jenen Bergen dort“ treffen, fernab der Lautsprecher .
Politische Unterdrückung und kultureller Widerstand
Die mündliche Überlieferung der Rhodopen ist auch ein Zeugnis von Unterdrückung und Widerstand. Die kommunistische Regierung versuchte über Jahrzehnte, die kulturelle Identität der muslimischen Bevölkerung zu untergraben. Besonders intensiv in den 1970er Jahren wurden muslimische Namen durch bulgarische ersetzt, religiöse Bräuche und Feste verboten, das Tragen von Kopftuch und Schleier verfolgt .
Die Frauen dieser Gemeinschaften waren ein bevorzugtes Angriffsziel dieser Politik – weil sie bestimmte traditionelle Zeichen ihrer Kultur öffentlich trugen und so als Trägerinnen muslimischer Kultur wahrgenommen wurden . Paradoxerweise wurde diese Politik im Widerspruch zum propagierten Internationalismus als Aspekt fortschreitender Modernisierung dargestellt .
Um die räumliche Isolation zu brechen, wurden Modernisierungsmaßnahmen eingeleitet – doch die kulturelle Identität der Rhodopen-Bevölkerung blieb über die mündliche Überlieferung erstaunlich stabil.
Die Kontroverse um die Vedа Slovena
In diesem Zusammenhang gewinnt eine wissenschaftliche Kontroverse neue Brisanz: Die Veda Slovena, eine zweibändige Liedersammlung, die der bosnische Ethnograph Stefan Verkovich Ende des 19. Jahrhunderts herausgab, wurde von der Wissenschaft lange als Mystifikation und Fälschung abgetan .
Die Forschung von Miglena Hristozova wirft jedoch ein neues Licht auf diese Sammlung und hinterfragt, ob die Lieder der Veda Slovena ausschließlich der mündlichen Volkskultur „der Pomaken“ aus dem westlichen Teil des Rhodopen-Gebirges zuzuordnen sind . Eine neue Hypothese erwägt einen breiteren ethnologischen Hintergrund – bedingt durch Migrationen bulgarischer und aromunischer Gruppen aus Albanien und Westmakedonien in die Region .
Die Aufgabe der Ethnologie
Die bulgarische Ethnologie hat sich in den Jahren nach 1989 intensiv mit den Traditionen der Rhodopen befasst . Vier Bände der Reihe Regionalni etnolozhki izsledvania widmeten sich den Gebirgsregionen Strandscha, Rhodopen, Sakar und Sredna Stara Planina . Besondere Aufmerksamkeit galt den verschiedenen Minderheiten, mit denen die Bulgaren traditionell zusammenleben – den Roma, Armeniern, Juden, Sarakatsanen, Türken und Griechen .
Die mündlichen Überlieferungen der Rhodopen sind also längst kein Geheimtipp mehr für Romantiker. Sie sind ein wissenschaftlich dokumentiertes, politisch aufgeladenes und kulturell hochkomplexes Erbe. Wenn du das nächste Mal einem Alten auf der Bank vor seinem Haus zuhörst oder die Klänge der Kaba-Gajda in der Nacht hörst – weißt du: Du hörst nicht nur eine Geschichte. Du hörst Geschichte.
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